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.Von Heinrich Thies
Hannover. Faule Säcke. Mit diesen Worten verunglimpfte
einst Gerhard Schröder Niedersachsens Lehrer. Die unbedachte
Verbalattacke kostete den damaligen Ministerpräsidenten beträchtliche
Sympathiepunkte bei der gescholtenen Berufsgruppe aller Schadensbegrenzung
zum Trotz. Auch Niedersachsens Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann
(CDU) macht dieser Tage die Erfahrung, dass es nicht so leicht ist, die
Pädagogen wieder versöhnlich zu stimmen, wenn man sie einmal
vor den Kopf gestoßen hat.
Abtreten, abtreten, riefen demonstrierende Lehrer am Donnerstag,
als sich bei einer Großkundgebung vor dem Landtag in Hannover die
Ministerin zeigte. Lügenministerin, war auf Transparenten
zu lesen und Dreist, Dreister, Dreister-Neumann. Kurz:
Die CDU-Politikerin, die gekommen war, um mit einzelnen Lehrern versöhnlich
zu plaudern, hatte keinen leichten Stand. Man sah es ihr an. Auch die
Erfrischungsdrops, die sie sich unentwegt in den Mund schob, verhalfen
ihr nicht zu einer durchdringenden Stimme.
Es war eine der größten Lehrerdemonstrationen der Landesgeschichte.
Mehr als 11 000 Lehrer aus ganz Niedersachsen protestierten in der Innenstadt
von Hannover, weil sie sich von der Landesregierung betrogen fühlen.
Sämtliche Lehrerverbände fanden sich erstmals zu einer gemeinsamen
Kundgebung zusammen. Wortbruch, stand auf den Transparenten.
Lüge. Und die neue Kultusministerin konnte Sprüche
lesen wie Sauschlechter Einstieg, Frau Neumann. Bei allem
Spaß am gemeinsamen Protest mit Rasseln und Trillerpfeifen ließen
die Lehrer keinen Zweifel daran aufkommen, wie groß ihre Wut und
Empörung war.
Was ist geschehen? Mitte April teilte Heister-Neumann mit, dass eine Zusage,
die vor zehn Jahren die damals SPD-geführte Landesregierung den Lehrern
gemacht hatte, nicht mehr gilt. Im Jahre 1998 nämlich waren alle
niedersächsischen Lehrer, die jünger als 50 Jahre waren, aufgefordert
worden, eine unbezahlte Mehrarbeit von ein bis zwei Stunden pro Woche
zu leisten für einen Ausgleich werde im Jahre 2008 gesorgt,
hieß es. Doch plötzlich wollte sich die Kultusministerin über
diese Vereinbarung hinwegsetzen. Um die Unterrichtsversorgung nicht zu
gefährden, könne das Arbeitszeitkonto erst kurz
vor dem Ruhestand der betreffenden Lehrer ausgeglichen werden, teilte
sie lapidar mit.
Sofort brach ein Sturm der Entrüstung an Niedersachsens Schulen los.
Das ist eine bodenlose Unverschämtheit, wetterte der
Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Eberhard
Brandt. Ein 35-jähriger Kollege müsste dreißig Jahre
lang auf den Überstundenausgleich warten; dazwischen liegen sechs
Legislaturperioden. Da glaubt doch kein Mensch, dass die Vereinbarung
dann noch eingelöst wird.
Unter dem öffentlichen Druck lenkte Heister-Neumann in den vergangenen
Tagen schließlich ein und schaltete um auf Schmusekurs. Jetzt
bietet die Landesregierung den Lehrern einen Arbeitszeitausgleich bereits
in vier Jahren an und eröffnet ihnen darüber hinaus die Möglichkeit,
die Überstunden auf Antrag hin auch schon sofort abzubummeln
oder honoriert zu bekommen. Jeder Antrag, betonte die Ministerin, werde
bewilligt.
Doch das Vertrauen scheint zerstört. Was fürn fieser,
mieser Stil, ist auf einem der Transparente zu lesen. Wir
werden uns auf diese komischen juristischen Tricks nicht einlassen,
verkündet GEW-Landesvorsitzender Brandt unter dem Applaus der demonstrierenden
Lehrer. Auch der Landesvorsitzende des Verbands deutscher Realschullehrer,
Manfred Busch, findet: Wir sind schon so oft verschaukelt worden,
jetzt reicht es einfach.
Bei dem Streit geht es nicht mehr nur um Überstunden. Aus Sicht
der Lehrerverbände haben die wechselnden Landesregierungen in den
vergangenen zehn Jahren nichts getan, um die Lücken in der Unterrichtsversorgung
zu schließen, die mithilfe der Mehrarbeit kaschiert worden waren.
Es war von Anfang an klar, dass allein für den Arbeitszeitausgleich
1500 zusätzliche Lehrer erforderlich sind, sagt GEW-Chef Brandt.
Ebenso viele zusätzliche Lehrer wären für den doppelten
Abiturjahrgang bei der Einführung des Turbo-Abiturs nötig. Aber
diese Lehrer gibt es nicht. Die Pensionierungswelle werde immer
größer, doch Nachwuchs sei nicht in Sicht. Weder die
Studienplätze noch die Plätze in den Ausbildungsseminaren reichen.
In dieser Lage zeigt sich SPD-Oppositionschef Wolfgang Jüttner selbstverständlich
gern auf dem Podium. Es ist ein Unding, dass das, worauf Sie
Anspruch haben, zum Ausnahmevorgang gemacht wird, ruft Jüttner
den Lehrern zu. Und während die Demonstrierenden den Sozialdemokraten
mit Applaus bedenken, überschütten sie Karl-Heinz Klare, den
Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, mit Buhrufen und Pfiffen. Mag er den
Lehrern auch noch so geduldig die vielfältigen Möglichkeiten
präsentieren, die ihnen die neue Arbeitszeitreglung angeblich bietet,
niemand scheint ihm mehr zu glauben. Besonders laut wird das Pfeifkonzert,
als der CDU-Politiker seine Freude darüber zum Ausdruck
bringt, dass wir hier eine so mächtige Demonstration haben.
Elisabeth Heister-Neumann war sicher gut beraten, nicht selbst aufs Podium
zu steigen.
Auch in Lüneburg hätte die Ministerin am Donnerstag vermutlich
wenig Freude gehabt. Rund 2500 Schüler traten hier in den Schulstreik,
um gegen die niedersächsische Bildungspolitik zu demonstrieren. Die
verkürzte Gymnasialschulzeit hat das Fass zum Überlaufen gebracht,
sagte Organisator Matthias Orlikowski vom Gymnasium Johanneum. An vielen
Schulen mangele es an Lehrern und Räumen. Die Streichung der Lernmittelfreiheit
und Einführung von Studiengebühren schließe immer mehr
Kinder aus sozial schwächeren Familien von höherer Bildung aus.
Für die Demonstration ihrer Lehrer in Hannover zeigten die Lüneburger
Schüler großes Verständnis sie gewährten ihnen
daher auch die Möglichkeit, schon während der Unterrichtszeit
in die Landeshauptstadt zu fahren.
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