ELTERNUMFRAGE
 
HAZ, 06.10.2008 Neuer Schwung für die IGS

Erste Weichen sind gestellt: Hannover braucht womöglich drei neue Integrierte Gesamtschule

Von Bärbel Hilbig
Der starke Wunsch der Grundschuleltern nach Integrierten Gesamtschulen hat selbst Experten überrascht. Jetzt sind die ersten Weichen sind gestellt: Hannover braucht womöglich drei neue integrierte Gesamtschulen.
Der starke Wunsch der Grundschuleltern nach Integrierten Gesamtschulen hat selbst Experten überrascht.
Bei einer Umfrage hatten 44 Prozent erklärt, ihr Kind auf eine IGS schicken zu wollen. „Mir war von vornherein klar, dass wir eine neue IGS brauchen“, sagt Barbara Frank, schulpolitische Sprecherin der CDU-Ratsfraktion. Doch ob tatsächlich, wie jetzt geplant, drei neue Schulen notwendig seien, müsse anhand der Anmeldezahlen überprüft werden. Die Umfrage sei schließlich unverbindlich gewesen und die Initiative für neue Gesamtschulen habe massiv Werbung gemacht, sagt Frank. „Wir werden uns aber auf keinen Fall gegen den Elternwillen sperren.“
Für die IGS geworben hat offenbar auch der Stadtelternrat. Das gewählte Gremium informierte die Elternsprecher der Grundschulen über die städtische Umfrage.
In dem *Schreiben rät der Stadtelternrat für die Gesamtschule zu stimmen, wenn Eltern sich über Fähigkeiten des Kindes und die Schulwahl noch nicht sicher seien. Damit halte man sich alle Möglichkeiten offen, da an der Gesamtschule Hauptschul- und Realschulabschluss sowie Abitur nach 13 Jahren möglich seien.
„Wir hatten Sorge, dass Eltern von Erst- und Zweitklässlern sich noch nicht mit dem Thema IGS befasst haben. Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien kennt fast jeder“, sagt Garnet Eichholz Vorsitzende des Stadtelternrats. Für Kinder, die mit Arbeitsverdichtung und großen Klassen am Gymnasium nicht zurecht kämen, sei die IGS eine Alternative. Der Stadtelternrat verknüpft mit IGS-Neugründungen auch die Hoffnung auf Entlastung der vollen Gymnasien. Einen Affront gegen Hauptschulen und Realschulen sieht Eichholz in der Stellungnahme nicht. „Beide Schulformen müssen weiter bestehen, solange Eltern sie wollen. Das sieht auch das Schulgesetz so vor.“
Über das Ergebnis der Elternumfrage – 75 Prozent der Grundschuleltern hatten sich beteiligt, 44 Prozent plädierten für die Integrierte Gesamtschule – waren selbst Mitglieder des vor einem Jahr gegründeten Bündnisses „Neue IGS – jetzt!“ überrascht. „Wir hätten das nie für möglich gehalten“, sagt GEW-Sekretär Nils Johannsen. Der Bedarf für eine zusätzliche IGS sei seit Jahren an den Anmeldezahlen abzulesen, sagt Irmela Weinhardt. „Aber es war nicht vorherzusehen, ob Eltern von Erst- und Zweitklässlern sich bereits äußern wollen.“
Michael Klie, schulpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, betont, für die IGS-Gründung müssten sich Schulen finden, die zu einer Umwandlung bereit seien
. „Wir können das nicht von oben verordnen. Die Stadt hat kein freies Gebäude. Deshalb sind wir darauf angewiesen, dass Lehrer und Eltern das wollen.“

 
02.10.2008 44 % der Grundschulkinder wollen auf Integrierte Gesamtschulen (IGS)
Dieser Bericht ist keine Meinungsäußerung des Vorstandes des Stadtelternrates, er dient zur Einführung in das Problem.

Vor der Landtagswahl versprach die CDU, wieder die Gründung von Gesamtschulen zuzulassen. Nach der Landtagswahl wurde deutlich, dass diese Neugründung an Auflagen gebunden wurde, die an vielen möglichen Standorten die Neugründung in Frage stellte. Eine der Auflagen war, eine Elternumfrage durchzuführen, deren Ergebnis deutlich macht, dass langfristig ein Gesamtschulstandort mit fünf parallelen Klassen gesichert ist. In Hannover wurden die Gesamtschulen der zweiten Generation mit vier parallelen Zügen gegründet und sind sehr erfolgreich.

Im letzten Schuljahr beschloss der Rat der Stadt, an den meisten Standorten Haupt- und Realschulen zusammenzuführen. Im Stadtteil Stöcken-Herrenhausen gibt es seit langem eine enge Kooperation von Haupt- und Realschule. Zu diesem Schuljahr haben beide Schulen mit einem (gemeinsamen) Ganztagsbetrieb begonnen, zum nächsten Schuljahr wollten sie Gesamtschule werden.

Um zum Schuljahr 2009/2010 als Gesamtschule Stöcken-Herrenhausen zu beginnen, wurde im September kurzfristig und innerhalb weniger Tage eine Elternumfrage nach dem Wunsch für Gesamtschulplätze durchgeführt. Es gab keine Zusatzinformation an die Eltern, welche Möglichkeiten der Besuch eine Gesamtschule den Kindern ermöglicht. Das Ergebnis der Umfrage war überraschend.

Oberbürgermeister Stephan Weil und Schuldezernentin Marlis Drevermann hatten sich vorbehalten, die Ergebnisse auf einer Pressekonferenz kundzutun. Die Ergebnisse sollten das Schulamt nicht verlassen, bis die Spitze höchstpersönlich die Ergebnisse unters Volk und in die Presse bringen konnte.Keine Information sickerte durch.

Nun steht fest: 75 % der ausgegebenen Fragebogen kamen zurück.

Davon sind 56 % für die Mehrgliedrigkeit, 44 % für Integrierte Gesamtschulen (IGS) (in absoluten Zahlen 5.196), aufsteigend von Jg. 1 bis Jg. 4, mit einigermaßen gleichmäßiger Verteilung auf die Stadtteile, im Westen insgesamt stärker als im Osten.

Für den neuen Jahrgang 5 sind 45% oder 1.414 Interessensmeldungen dokumentiert, für den jetzigen Jg. 1 immerhin schon 1.206.

Folgende Konsequenzen hat die Spitze der Stadtverwaltung angedeutet:

Die Stadt meldet bei der Landesschulbehörde Bedarf an DREI weiteren IGSen an, Stöcken zum nächsten Schuljahr, favorisiert Badenstedt und einen weiteren, noch nicht benannten Standort zu 2010/11.

Hans-Dieter Keil-Süllow

 

Fast 75 Prozent der Eltern beteiligten sich

Von den Schulen wurden 11.878 Fragebögen zurückgegeben. Bezogen auf die Schülerzahlen liegt die Beteiligung bei knapp 75 Prozent.

Von den 11.878 Fragebögen waren 102 Bögen nicht oder unvollständig ausgefüllt. Nur die Fragebögen, auf denen die Frage nach der gewünschten Schulform von den Eltern beantwortet wurde, konnten ausgewertet werden. Fragebögen, auf denen gar keine Frage oder nur die Frage nach der besuchten Klassenstufe beantwortet war, wurden von der weiteren Auswertung ausgeschlossen (Anzahl: 97).

Insgesamt haben sich 11.732 Eltern eindeutig für eine der beiden Beschulungsformen entschieden:

6.536 Eltern beabsichtigen ihre Kinder auf eine Schule des dreigliedrigen Schulsystems zu schicken. Das entspricht einem Anteil von rund 56 Prozent.

5.196 Prozent oder 44 Prozent der Eltern dagegen erwägen, ihre Kinder an einer IGS anzumelden.

Die Ergebnisse der Befragung nach Klassenstufen zeigt eine steigende Bereitschaft, sich an der Befragung zu beteiligen, je eher der Schulwechsel bevorsteht. Während sich die Eltern der Erst- und Zweitklässler zu rund 70 Prozent an der Befragung beteiligten, stieg dieser Wert in der dritten Klasse auf rund 77 Prozent und in der vierten auf 81 Prozent.

Von den 5.196 Schülern, deren Eltern sich für eine Anmeldung an einer IGS ausgesprochen haben, gaben 5.153 an, welche Klassenstufe ihr Kind besucht. 1.414 Kinder gehen bereits in die vierte Klasse.

Das bedeutet, dass nach dem nächsten Schuljahreswechsel 45 Prozent der Viertklässler eine IGS besuchen würden. Aber auch in den Klassenstufen 1 bis 3 weicht der Anteil derjenigen, die die IGS bevorzugen, kaum von dem Durchschnittswert über alle Klassenstufen ab.

Abb. 2: Anteil der Eltern, die ihre Kinder an ein dreigliedriges Schulsystem bzw. an einer IGS anmelden möchten, nach Klassenstufen:

Eine kleinräumige Auswertung der Befragungsergebnisse ist durch eine Zuordnung des Schulstandortes zu einem Stadtbezirk möglich. Dadurch werden die Antworten dem Stadtbezirk zugeordnet, in dem die Grundschule liegt (Anlage 2).

Der Anteil der Eltern, die eine Anmeldung an einer IGS bevorzugen, weicht in einigen Stadtbezirken stark vom Durchschnittswert ab (vgl. Karte 1 und Übersicht 1)

.Während sich stadtweit 44 Prozent der Eltern für die IGS aussprechen, sind es in den Stadtbezirken Bothfeld-Vahrenheide (Stadtbezirk 3), Misburg-Anderten (5), Döhren-Wülfel (8) und Nord (13) weniger als 40 Prozent.

In den Stadtbezirken Ricklingen (09), Linden-Limmer (10) und Ahlem-Badenstedt-Davenstedt (11) ist der Anteil der Eltern, die die IGS bevorzugen überdurchschnittlich. Hier liegen die Werte zwischen 47 und 50 Prozent. In den Stadtbezirken Mitte (01) und Vahrenwald-List (02) ziehen sogar über 50 Prozent der Eltern diese Schulform dem dreigliedrigen System vor.

 
02.10.2008 Konsequenzen der Befragungsergebnisse

Mit der Entscheidung zur Schulstrukturreform Phase II läuft der Schulbetrieb ab dem Schuljahr 2008/09 in den bestehenden Integrierten Gesamtschulen in der Stadt Hannover 35-zügig. Bei 26 SchülerInnen pro Klasse stehen somit insgesamt 910 IGS-Plätze in sechs Schulen (Anlage 3) für den fünften Jahrgang zur Verfügung.

Auf der Grundlage der Ergebnisse der Befragung erfolgt die Berechnung der zurzeit in Hannover nicht zu deckende Nachfrage nach IGS-Plätzen folgendermaßen:

Von der Anzahl der Kinder, die an einer IGS pro Jahrgang angemeldet werden sollen, werden die zurzeit zur Verfügung stehenden IGS-Plätze abgezogen.
Bei der Berechnung des Bedarfs wird nur der Rücklauf aus der Elternbefragung von zirka 75 Prozent berücksichtigt. Es wird keine Hochrechnung auf die Gesamtzahl der GrundschülerInnen bei der Bedarfsermittlung berücksichtigt.
Hinzugerechnet wird die Zahl der SchülerInnen aus dem Umland, die in Hannover IGS-Plätze in Anspruch nehmen. Die Nachfrage aus den Umlandgemeinden ist seit dem Schuljahr 2004/05 bis zum aktuellen Schuljahr um 59 Prozent (51 Plätze in 2004/05 auf 81 in 2008/09) angestiegen. Für das laufende Schuljahr sind deutlich mehr Absagen erfolgt als in den Jahren zuvor. Insofern könnte hier eine höhere Nachfrage aus dem Umland in die Berechnung einbezogen werden. Hier wird aber nur mit dem einfachen Mittelwert (70 Plätze) gerechnet.
Demnach stellt sich der Fehlbedarf bei IGS-Plätzen in den derzeitigen Grundschuljahrgängen in Hannover wie folgt dar:

1. Klasse: 1.206 (IGS Wunsch)- 910 Plätze = 296 + 70 (Auswärtige) = 366 fehlende Plätze

2. Klasse: 1.224 - 910 = 314 + 70 = 384 fehlende Plätze

3. Klasse: 1.309 - 910 = 399 + 70 = 469 fehlende Plätze

4. Klasse: 1.414 - 910 = 504 + 70 = 574 fehlende Plätze

Diese Nachfrage der dritten und vierten Klassen kann als relativ sicher angesehen werden, da sich die Kinder in der vierten Klasse kurz vor dem Schulwechsel befinden und die Meinungsbildung in den Familien bereits weit vorangeschritten ist. Ein Zeichen für eine relativ gefestigte Position diesbezüglich könnte auch die Höhe der Teilnahmebereitschaft an der Befragung sein, die mit zunehmender Jahrgangsstufe deutlich anwächst.

Die Bereitschaft zur Teilnahme an der Befragung und damit zur Anmeldung des Bedarfs – dies zeigt sich bei der Befragung - steigt mit zunehmender Jahrgangsstufe. Hier ließe sich eine in den nächsten Jahren - gegenüber der jetzigen Ergebnisse der ersten und zweiten Jahrgangsstufe - noch steigende Nachfrage argumentieren. Dies wird hier nicht berücksichtigt.

Die städtische Prognose der Kinderzahlen der Sechs- bis Neunjährigen in den Jahren 2008 bis 2020 (Anlage 4) weist nur einen leichten Rückgang von 3,7 Prozent aus. Für die weiteren Planungsschritte hat diese Entwicklung keine Relevanz, da die Kinderzahlen ab 2015 wieder kontinuierlich steigen. Der Landesbetrieb für Statistik und Kommunikationstechnologie geht in seiner Prognose bei dieser Altersklasse sogar nur von einem Rückgang von 1,4 Prozent aus.

Ausgehend von den gesetzlich vorgeschriebenen fünf Zügen bei der Errichtung einer neuen IGS und der durchschnittlichen Anzahl von 26 SchülerInnen pro Klasse (130 Plätze pro IGS) lassen sich aus der Nachfrage der dritten und vierten Klassen somit mindestens drei zusätzliche IGS in Hannover begründen.
Die Antworten der ersten und zweiten Jahrgänge hingegen werden im Vergleich zu den beiden höheren Jahrgängen als noch nicht so gefestigt gewertet. Hier ergibt sich rein rechnerisch der Bedarf für knapp drei zusätzliche IGS.