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Von
Stefan Koch
Berlin. Das Besondere ist nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen.
Die französischen Fenster, die bis zum Fußboden reichen, sind
ein erstes Indiz. Auch die großzügigen Dachterrassen und
Balkone zeigen an, dass an der Grenze zwischen Prenzlauer Berg und Friedrichshain
die Wohnqualität steigt. Hier, wenige Schritte vom Volkspark entfernt,
etabliert sich die neue Mittelschicht Berlins.
Die jungen Familien, die es geschafft haben, geben sich dezent. Vor
den Türen stehen keine schweren Luxuslimousinen, messingfarbene Klingelschilder
sind verpönt. Es herrschen die Farben Weiß und Grau vor - fast
so, wie in anderen gehobenen Berliner Kiezen. Aber eben nur fast.
Die Gehwege der Siedlung "Prenzlauer Gärten" sind akkurat
gefegt und Graffiti-Schmierereien mögen in der weiteren Umgebung
zu finden sein, aber nicht hier, wo diejenigen wohnen, die gern ein bisschen
beschauliche Idylle inmitten der Großstadt leben möchten. Eine
Art Mikro- im Makrokosmos der Großstadt, im Architekten-Slang "Town
House"-Siedlung genannt. Dass der Innenhof trotz letzter Bauarbeiten
bereits so gepflegt ist und der Lärmpegel recht niedrig erscheint,
liegt wohl auch am Metallzaun, der bei Einbruch der Dämmerung geschlossen
wird.
Dennoch sind die "Prenzlauer Gärten" keine "Gated
Communities", wie die streng bewachten Siedlungen in den USA und
Lateinamerika heißen. Hier herrscht kein lückenloses Kontrollsystem,
das sogar Tagesmütter und Großeltern überprüft, die
auf die Kleinen aufpassen wollen. Die Deutschen ziehen unauffälligere
Methoden vor, den Großstadtalltag außen vor zu lassen. So
spricht der Hausmeister Fremde freundlich an, denen er das erste Mal auf
dem Gelände begegnet. Und der Zaun lässt sich zwar von Hartnäckigen
überwinden, bleibt aber ein eindeutiges Signal: Wer hier wohnt, wünscht
Distanz.
Die Abgrenzung kostet die gehobene Mittelschicht im Schnitt 2500 Euro
plus X pro Quadratmeter und ist in erster Linie bei Zugereisten populär.
Unter Urberlinern, die mit der Kneipe um die Ecke aufgewachsen sind, findet
das behütete Wohnen kaum Resonanz. Eine junge Mutter, die an diesem
Donnerstag ihrer vierjährigen Tochter beim Spielen im Innenhof zuschaut,
erzählt von ihrem neuen Zuhause: "Eigentlich ist es eine wunderbare
Mischung aus Stadtleben und Dörflichkeit, so wie ich es in meiner
Kindheit erlebt habe. Wenn ich keine Zeit habe, kann die Kleine auch mal
alleine im Sandkasten buddeln", erzählt die 30-Jährige,
die aus Heilbronn stammt. Eigentlich kennt sich die Neuberlinerin in ihrem
Stadtteil noch gar nicht so richtig aus. Aber "das Gefühl"
sage ihr, dass es wohl besser sei, wenn nicht jedermann ihren Hinterhof
betreten könne. Eine Einschätzung, die vor allem von denjenigen
geteilt wird, denen die Metropole noch fremd erscheint.
In den neunziger Jahren wurde über diese neue Wohnform ganz anders
gesprochen. Damals öffnete in Potsdam Deutschlands erste bewachte
Appartement- und Villensiedlung, die "Arcadia". Wütende
Leserbriefe in den örtlichen Zeitungen und diverse Nachfragen bei
den Versammlungen der Stadtverordneten zeigten an, dass dieses "Getto
der Reichen" nicht gern gesehen ist.
Der Ärger von damals hat sich gelegt, vielleicht auch, weil sich
die "Arcadia"-Immobilien zunächst nur schleppend verkauften.
Das Modell vom Wohnen hinter Mauer und Zaun gilt hier zu Lande offenbar
als unattraktiv. Eins zu eins lassen sich die "Gated Communities"
nicht auf Deutschland übertragen - dafür funktionieren die öffentlichen
Dienstleistungen noch zu gut.
Die Pforte ist neben einer Umzäunung oder Mauer das Merkmal, das
eine Siedlung zu einer Gated Community macht. In Kalifornien leben mittlerweile
rund vierzig Prozent der Menschen in privaten, bewachten Wohnanlagen.
Meist sind ihre Bewohner weiß, sie gehören der Mittel- oder
Oberschicht an, schätzen den Wert des Eigentums und fühlen sich
vom Staat nicht in ausreichendem Maße geschützt.
Dass hinter den schönen Fassaden keine permanente Partystimmung herrscht,
sondern eher Zukunftsängste die Runde machen, ist vielen Berlinern
spätestens seit dem vergangenen Herbst bewusst. In der Schaubühne
wurde das Stück "Im Ausnahmezustand" aufgeführt: Eine
Familie, die seit Jahren in einer "Gated Community" am Rande
einer Großstadt lebt, fühlt sich zunehmend durch eine unsichere
Außenwelt bedroht. Die Situation eskaliert, als der Ehemann seinen
Job zu verlieren scheint und die Gefahr besteht, dass die Familie den
abgeschirmten Raum verlassen muss. Ein Leben in Angst - zusammengefasst
in zwei bedrückenden Stunden. Das Kammerspiel zeigte vielen Theaterbesuchern,
wie der schützende Zaun der Siedlung zur Mauer eines inneren Gefängnisses
wird - eine Metapher für die Abstiegsängste der Wohlstandsgesellschaft.
Das Theaterstück des Regisseurs Falk Richter mag zugespitzt sein.
Die Tendenz gilt als unstrittig: "Natürlich hat die Angst vor
dem sozialen Abstieg die Mittelschicht erreicht", sagt der Soziologe
Jan Wehrheim, der an der Universität Oldenburg über das Stadtleben
forscht. Die zunehmende soziale Polarisierung habe Spuren hinterlassen.
So macht Wehrheim die Beobachtung, dass diese Sorgen zu einem erhöhten
Sicherheitsbedürfnis führen würden: "Wer um seine
Rente oder seinen Arbeitsplatz zittert, steigert sich schnell in eine
Angst vor Raub und Diebstahl hinein." Das sei eine Art "Umkodierung".
Die Angst vor einer zu großen Nähe zu der vermeintlich kriminellen
Unterschicht bringe eine Kultur des Nichtberührens hervor. Man gehe
lieber auf Distanz. "Im Vergleich zu den europäischen Nachbarn
ist diese Tendenz in Deutschland noch schwach ausgeprägt", sagt
Wehrheim, "aber sie steigt."
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